Ein Schweizer Geburtshelfer in der Mongolei


Ein Schweizer Geburtshelfer in der Mongolei

Dr. Gero Drack war Leitender Arzt der Geburtshilfe im Kantonsspital St. Gallen, als er im Herbst 2004 einen Anruf erhielt. Dr. Beat Kehrer, seinerzeitiger Chefarzt der Kinderchirurgie am Ostschweizer Kinderspital St. Gallen und Leiter der Swiss Surgical Teams (SST), ermutigte ihn, sich den Teams anzuschliessen. Ein Jahr später reiste Gero Drack zum ersten Mal nach Ulaanbaatar. Ein Gespräch über die Geburtshilfe in der Mongolei.

”Die Müttersterblichkeit konnte von 1990 bis 2005 halbiert werden und bis 2012 gleich nochmals.”

Gero Drack, wann waren Sie zuletzt in der Mongolei?

Gero Drack: Ich war, wie immer in den vergangenen elf Jahren, von Mitte Mai bis Mitte Juni in Ulaanbaatar, der Hauptstadt der Mongolei, sowie in den umliegenden Provinzen. 2015 war ich zum letzten Mal dort, zumindest als Teil der SST.

Warum?

Die Mongolei holt im öffentlichen Gesundheitswesen im Schnellzugtempo nach, wofür wir 100 oder 150 Jahre benötigten. Das heisst, die Mongolei ist heute ein Schwellenland und nicht mehr das Entwicklungsland, das es bis Mitte des vergangenen Jahrzehnts noch war. Spitäler wurden ausgebaut, sie senden ihre Ärzte ins Ausland zur Weiterbildung, die Geräte werden selber zugekauft. So haben sich die SST gesagt: Es gibt Orte auf dieser Welt, wo unsere Unterstützung notwendiger ist.

Erinnern Sie sich an Ihre ersten Eindrücke?

Als ich 2005 zum ersten Mal dort war, kam ich in einen Bau aus der kommunistischen Zeit. Das Spital in Ulaanbaatar glich einer Kaserne. Alles war dunkel und grau, die elektrischen Installationen funktionierten schlecht, die Geräte waren Secondhand. Es war bedrückend, morbide. Alles war sehr improvisiert, auch die medizinische Versorgung oder das Verständnis für Hygiene. Heute gibt es in diesen Bereichen deutliche Fortschritte. Überhaupt ist alles viel heller gestrichen, die elektrischen Anlagen sind oder werden renoviert. Es gibt moderne Hightechgeräte.

Ziel Ihres Engagements war, das Land in der Geburtshilfe weiterzubringen. Definieren Sie bitte "gute Geburtshilfe".

Man kann es plakativ formulieren, denn letztendlich könnte man tagelang darüber reden. Im Vordergrund steht die Sicherheit für Mutter und Kind. Beide sollen gesund durch den Geburtsprozess gelangen. Und – das prägt auch hier unsere Diskussionen seit vielen Jahren – es geht auch darum, dass die Frauen den Prozess gut erleben.

Was meinen Sie mit "gut erleben"?

Die Mongolen sind stolz darauf, dass sie heute kaum mehr Geburten in Jurten haben, sondern im Spital gebären können. Die Mongolin stellt sich deshalb auch nicht die Frage, ob sie eine natürliche Geburt möchte oder doch eher einen Kaiserschnitt. Sie macht sich nicht Gedanken über Musik und Licht im Gebärsaal, sie will nur gesund überleben. Wenn ich an den Gebärsaal denke in der Mongolei bei meinen ersten Aufenthalten: Ein Gebärstuhl stand neben dem anderen, es herrschte eine Atmosphäre wie bei uns seit 40 Jahren nicht mehr. Trotzdem: Unter den immensen geographisch und klimatisch bedingten Schwierigkeiten des Landes konnte die Zahl der Müttersterblichkeit von 1990 bis 2005 halbiert werden. Und bis 2012 gleich nochmals. Mit ungefähr 50 Todesfällen auf 100'000 Geburten liegt sie zwar noch rund zehn Mal höher als bei uns, aber sie soll weiter reduziert werden. Die machen das gut, wirklich.

Sind eigentlich die Väter bei der Geburt dabei?

Laut meinen Kollegen kommt es schon ab und zu vor, dass ein Vater bei einer Geburt dabei ist. Ich selber habe in all diesen Jahren aber nie einen Vater bei der Geburt gesehen. Was auch nachvollziehbar ist, wenn zwei oder noch mehr Gebärstühle nebeneinander in einem Raum stehen. Ich habe Bilder aufgenommen, welche die Einsamkeit der Frauen in den Gebärzimmern nach der Geburt zeigen. Da liegt das Kind, da liegt sie, beide sind erschöpft. Das sind Bilder, die ans Herz gehen. Aber – Mutter und Kind haben überlebt (überlegt lange)... das Emotionale, das bei uns aus durchaus ehrenhaften Gründen, teilweise aber überzüchtet gepflegt wird, das ist für sie kein Thema.

Welche Rolle spielt die Hebamme?

Ich habe jetzt tatsächlich viel von den Ärzten geredet. Wir sind natürlich bei der Vorsorge dabei und kommen vor allem dort zum Zug, wo in der Geburtshilfe Probleme auftauchen. Aber auch in der Mongolei ist die kontinuierliche Betreuung der Frau natürlich die Hebamme. Das ganze Hebammenwesen kommt jetzt auf ein besseres Niveau, ein ganz neues Geleise. Da passiert im Moment eine grosse Bewegung.

Erzählen Sie mehr über die ethischen und kulturellen Unterschiede, beispielsweise im Zusammenhang mit dem Thema Schwangerschaftsabbruch.

Gerade dieses Thema wird in der Mongolei emotionsloser diskutiert als bei uns. Die Geburtsklinik in Ulaanbaatar hatte beispielsweise ein Ambulatorium mit einer hohen Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen. Das Gesundheitswesen ist nun aber dabei, den Gedanken der Schwangerschaftsprävention auf eine ökonomisch angepasste Art einzubringen. Ich habe selber gesehen, dass Frauen animiert werden, sich eine Spirale einsetzen zu lassen. Da könnte man auch wieder lange diskutieren (überlegt lange)... rein rechnerisch bezogen auf die Schwangerschaftsprävention kann man sagen, ist dieses Vorgehen recht erfolgreich.

Rückblickend auf elf Jahre Geburtshilfe in der Mongolei, was bleibt haften?

Einerseits ist es natürlich schön, dass unsere Arbeit nun Früchte trägt, andererseits haben wir eine Bindung zu den Menschen und der Gegend dort aufgebaut. Wir fühlten uns dort daheim, das fehlt jetzt. Schon im Vorfeld meines letzten Aufenthalts hatte ich meinen Kollegen mitgeteilt, dass ich mich nach meiner Pensionierung im Frühjahr 2014 nicht mehr operativ betätigen wolle. Im SST bin ich nun noch bis Ende 2016 im Vorstand aktiv, danach werde ich mich in die Rolle des Sympathisanten zurückziehen. Persönlich blicke ich mit tiefer Befriedigung und grosser Dankbarkeit auf meine elf Aufenthalte in der Mongolei zurück.

Swiss Surgical Team

Die Swiss Surgical Teams (SST) sind Gruppierungen von erfahrenen Ärztinnen und Ärzten verschiedener ope- rativer Disziplinen, Anästhesisten, Operationspersonal und weiteren Spezialisten aus dem Spitalumfeld wie Medizintechniker und Informatiker. Die Mitglieder der SST sind seit 1999 der langfristigen, medizinischen Entwick- lungshilfe verp ichtet. Sie leisten unentgeltliche Einsätze in öffentlichen Kliniken verschiedener Entwicklungsländer wie Nigeria, Tansania, Tadschikistan und 2015 ein letztes Mal in der Mongolei. Dort beurteilen sie Patienten, halten Sprechstunden ab und operieren zusammen mit den loka- len Kolleginnen und Kollegen. Sie vermitteln ihr Know-how praktisch und theoretisch an Ärzte und P egepersonal. Die Mitglieder der SST bringen bei ihren Einsätzen auch medizinisches Material wie chirurgische Instrumente, Verbrauchsmaterial und weitere medizinische Hilfsgüter in die Partnerspitäler mit.

www.swiss-surgical-teams.org